Das erste mal hatte ich von dieser Geschichte im Sommer letzten Jahres gehört, als die ersten AIDS Kinder identifiziert worden waren. Nun bin ich vergangene Woche über eine Reportage von Leila Saralayeva gestolpert, die das Thema noch mal aus einer anderen Perspektive aufgreift.
Hintergrund ist die Infektion von Dutzenden von Kindern im Süden Kyrgyzstans mit HIV. Verseuchte Spritzen waren wohl die Infektionsherde und das marode Gesundheitssystem inklusive skrupelloser Ärzte und indifferenter Politiker bedingende Ursache. Laut dem Report wurden 72 Kinder registriert, die sich mit dem Virus in den Kliniken angesteckt haben. In der Folgezeit übertrug sich in einigen Fällen das Virus mit der Muttermilch auf die Mütter. Die erwähnte Indifferenz und tragische SPÄTerkennung waren hier die entscheidenden Faktoren.
Saralayeva beleuchtet das Schicksal der 16 Mütter. Sie leben eine dreifache Tragödie: die Krankheit ihrer Kinder müssen sie verbergen (ihre eigene natürlich auch), anders als ihre Kinder werden sie von der kostenlosen Verteilung von antiretrovitalen Medikamenten ausgeschlossen und schließlich, wie in zwei Fällen, die Saralayeva beschreibt, haben die Männer ihre Frauen nach der Nachricht über die Infektion verlassen.
Was bleibt ist die Rückkehr in das Elternhaus, wenn dieses gewillt ist, die infizierte Heimkehrerin aufzunehmen. In Kyrgyzstan ist die Angst vor Aids hoch, die Kenntnisse über die Krankheit liegen aber in der Regel bei Null. Inoffiziellen Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Infizierten bei über 6 000, die Tendenz ist steigend aber von einer Epidemie spricht man bisher nicht.
So wenig aufklärendes Wissen auch kursiert, Gerüchte über HIV und Aids sind verbreitet. Vor allem Ausschluss aus der Gesellschaft, häufig gerade auch von Nahestehenden veranlasst viele Aids Kranke, sich hinter einer Wand des Schweigens und Ausredens zu verstecken. Weiß die nähere Verwandtschaft über die Krankheit bescheid, mischt sie in diesem Spiel tatkräftig mit und bemüht sich um das Verbergen der wahren Krankheitsursache aus Angst vor sozialer Diffamierung.
Aufklärung tut hier bestimmt Not, aber wie die zu Bewerkstelligen ist, bleibt unklar. In Internetforen bekommt eine Aktion zur kostenlosen Verteilung von Kondomen sofort den Kranz des westlichen Kulturimperialimus umgehängt, der die wahre (traditionale, islamische, religiöse oder einfach: reine) Gesellschaft zerstören möchte. Vor diesem Hintergrund laufen viele Aktionen ins Leere und bereiten eher der Front der Ablehner den Boden als den Kranken einen Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage.
Vielmehr sollte generell an Maßnahmen zur Verbreitung von Information gebastelt werden. Mehr Öffentlichkeit muss gewagt werden, mehr Foren zum Austausch über was auch immer für Themen produziert werden. Um allein die Hoffnung nicht fahren lassen zu müssen, dass auch Themen wie Konservativität oder Religiosität und ihr Verhältnis zu modernen Entwicklungen nicht ohne breite Resonanz in der öffentlichen Meinung bleiben.
Erst dann kann wohl auch die Hoffnung entstehen, dass Pluralität mehr Anstöße zur Reflexion bietet und daraus resultierend alte Konventionen ad acta gelegt werden. Ohne dass man dafür gleich den Kulturkampf bemühen muss.
Den Kindern aus den Krankenhäuser von Osch und anderen Städten in Südkyrgyzstan hilft das auf die schnelle nicht und sicherlich auch nicht ihren Müttern. Hier ist Hilfe vom Staat oder externen Akteuren gefragt. Ich hoffe, dass sich genügend Staub aufwirbeln lässt, damit die selbstgenügsamen Deputierten des Zhogorku Kenesh das Problem aufgreifen und die Exekutive zu der ein oder anderen Korrektur ihres Vorgehens zwingt. Der Blick in die Vergangenheit allerdings lässt diesbezüglich gehörige Zweifel aufkommen.
Das aber ist bitter für die verlassenen Mütter von Osch.
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