Neues aus dem Feld der Demokratieentfaltung in Kyrgyzstan. Vor nicht allzu langer Zeit, am Montag vergangener Woche, bekam das Büro des norwegischen Helsinki Komitees in Bischkek Besuch von inspizierungswütigen Herrschaften aus dem Innenministerium, dem MVD (Министерство Внутренных Дел). Ohne Rücksicht auf die Proteste der Mitarbeiter im Büro verlangten vier Herren die Herausgabe von Dokumenten und begannen wild zu fotografieren und zu filmen. Nach Benachrichtigung über die Invasion von Kongantievs Fußsoldaten (Moldomuza Kongantiev, seit Januar08 Innenminister und wohl Vertrauter Bakievs) eilte Ivar Dale, der Leiter der Komitee Vertretung ins Büro, begleitet von Freunden und Unterstützern im Kampf für Menschenrechte in Kyrgyzstan.
In der Rückschau nimmt besonders die Erklärung des MVD eine traurige und Angst einflößende Position ein. Wo man vielleicht mit hilflosen Erklärungen angesichts vielleicht (oder angeblich) eigeninitiativen Mitarbeitern gerechnet hätte oder schlicht mit sehr langem Schweigen oder irgendwelchen anderen Ausflüchten, geht das MVD in seiner Presseerklärung offensiv vor.
In einem ersten Zug wird die Aktion der Mitarbeiter der berüchtigten ). Abteilung des MVD als völlig legal charakterisiert, als Teil einer umfassenden Überprüfung der Tätigkeit von Ausländern in der Kyrgyzischen Republik. Diese Überprüfung wiederum sei eingebettet in Maßnahmen des allgemeinen Kampfes gegen illegale Migration, gegen Menschenhandel und gegen die Tätigkeiten internationaler Verbrecherorgansiationen. Wie genau bei der Operationalisierung dieser allgemeinen Zielkategorien das Helsinki Komitee auf die Fahndungsliste der 9. Abteilung Eingang fand, bleibt wohl nur den kreativen Hirnen im MVD erschlossen.
Es blieb allerdings nicht bei dieser kruden Selbstlegitimierung der absurden Aktion. Im Gegenteil, ähnlich wie beim Vorfall mit dem Untersuchungsgefängnis in Bischkek, äußerte sich das MVD äußerst abwertend über die Tätigkeiten der Organsiationen und der Human Rights Activists im Allgemeinen. In der Presseerklärung wird vor jede dargestellte Person aus der Aktivistenszene grundsätzlich ein „angeblich“ oder ein „sogenannte(r)“ gesetzt. Dem MVD wurden „irgendwelche“ Dokumente vorgelegt, die Koordinatorin des Zentralasienprogramms des Helsinki Komitees Jelena Mamadnazarovaja wird zur „angeblichen“ Koordinatorin, Ivar Dale wird „ein gewisser“ Ivar Dale und süffisant wird festgehalten, dass keine Dokumente vorgelegt werden konnten, welche die Tätigkeiten des Büros im Land erlauben.
Auch in Bezug auf all die Helfer wird mit harscher Kritik reagiert. Von Aziza Abdirasulova und Tolekan Ismailova, den beiden großen Damen der Menschenrechtsbewegung in Kyrgyzstan, ist man enttäuscht, von ihnen verlangt man mehr Einsatz und Unterstützung für die Vorhaben der 9. Abteilung. Angehängt wird noch die Beschwerde, dass für die von uzbekischen Sicherheitskräften verhafteten kyrgyzischen Milizionäre einige Zeit zuvor keinerlei Aktion seitens dieser Aktivisten gestartet wurde. Der Subtext lautet: für Ausländer zieht ihr in den Kampf, Eure Landesgenossen lasst ihr im Verderbnis darben.
Die Sprache ist bei all dem höchst sarkastisch gehalten. Das Verhalten der Anderen ist immer Ziel von Spott und Hohn seitens des MVD und wird darüber hinaus einer grundsätzlichen Skepsis ausgesetzt. Unterstellt wird permanent Illegalität und Täuschungsabsicht. Am Ende des Texts bleibt der Eindruck, der MVD habe hier mit einer Organisation zu tun, die allein auf Grund ihrer Struktur nur Schlechtes im Schilde führen kann.
Die Frage nach den Tätigkeiten des Helsinki Komitees wird gar nicht erst gestellt. Eine Strategie, die versucht, durch Konzentration auf Fragen der Legalität weitergehende Fragen der Legitimität im Keim zu ersticken. Ist einmal der Diskurs der Menschenrechte im vollen Gange, lassen sich nur schwer solche Organisationen zum Schweigen bringen, weil dadurch auch die Reputation des Landes in Mitleidenschaft gezogen wird. Also, da ja Menschenrechtsarbeit immer wieder nervende Fragen in Bezug auf das Regime Bakievs produziert, versucht man sich in einer kreativen Inszenierung des Spiels vom übereifrigen Rechtsstaat. Der entdeckt dann überall illegale Organisationen und reproduziert sich im Kampf gegen diese.
Die große Voraussetzung dafür ist natürlich die Anwesenheit einer Rechtskultur, die Handeln grundsätzlich als Rechtsakt-gesichert in einem positivistischen Sinne auffasst. Die Idee des Alles-ist-erlaubt-solange-es-nicht-ausdrücklich-verboten-ist darf nicht verbreitet sein, sonst würde die Legitimität hinter dem Vorgehen des MVD sofort verpuffen.
Aber auch jenseits der Legitimitätsfrage kann man die Aktion des MVD kritisieren, innerhalb der eigenen Regeln. So konnten zwei der vier Männer sich nicht ausweisen, eine Ankündigung der Überprüfung wurde nicht gemacht und schließlich sind es die eigenen Behörden, die der seit 2007 in Kyrgyzstan ansässigen Organisation Ivar Dales die Registrierung bislang nicht aushändigen. Nicht, dass die Organisation rundweg abgelehnt würde, das traut man sich im Reiche Bakievs dann doch nicht, aber man verschleppt den Prozess und gibt so den Inspektionswatchdogs des MVD eine Steilvorlage für willkürliche Besuche. Böse gedacht kann man dann auch davon ausgehen, dass die Sicherheitsherren der 9. Abteilung entsprechend über die fehlende Registrierung informiert waren und gerade aus diesem Grund gegen das Helsinki Komitee auszogen.
Ivar Dale zog die Schlussfolgerung, dass ihre jüngsten Aktionen in Bezug auf Uzbekistan verantwortlich waren für den Besuch aus dem MVD. Die Herren dort hätten einen Anruf aus Tashkent bekommen, in dem die Bitte formuliert worden war, doch einmal dieser Organisation auf die Finger zu schauen, die sich da so kritisch zu Uzbekistan äußert.
Das traurigste bei der ganzen Geschichte: während hier im Kleinen der Kampf um jeden Meter Diskurshoheit und auch jeden Meter Hoheit von Rechtsstaatlichkeit geführt wird, kümmert man sich auf den oberen Etagen der internationalen Diplomatie um schöne Worte der Kooperation (Stichwort: Wasserakademie) und neue Formen der Energiesicherheit (Wasserenergie für den Export, Kälte für die kyrgyzische Bevölkerung). Äußerungen der in Bischkek präsenten diplomatischen Missionen bezüglich des Vorfalls im norwegischen Helsinki Komitee sind bisher nicht bekannt. Und es ist auch unwahrscheinlich, dass es je welche geben wird.