Die Republik Kyrgyzstan entstand vor etwa 20 Jahren aus der zentralasiatischen Konkursmasse der Sowjetunion. Mit einem Akademiker, Askar Akaev, an der neuen präsidialen Staatsspitze folgte das Land einer leicht eigenwilligen Entwicklung in den 90ern. In Zeiten, in denen sich die meisten zentralasiatische Nachbarn an die Einrichtung strenger Autoritarismen machten, verfolgte Askar Akaev die Öffnung des Landes hin zur Weltgesellschaft und die Einführung liberaler Wirtschaftspraktiken. Im Mai 1993 wurde eine für die Gegend unüblich liberale Verfassung verabschiedet, der som als erste eigenständige Währung eines zentralasiatischen Landes eingefügt und am Aufbau einer Zivilgesellschaft und offenen Medienlandschaft gearbeitet. In der zweiten Hälfte der 90er standen diesen Entwicklungen die immer sichtbarer auftretenden autoritären Bestrebungen des Akaevregimes gegenüber. Der Präsident vermochte mit Hilfe ständiger Verfassungsänderungen (1994, 1996, 1998) konkurrierende politische Zentren der Macht zu marginalisieren und sie in ein umfassendes Manipulationsgefüge zu inkorporieren. Mit Beginn des neuen Jahrzehnts hatten weder Parlament noch Verfassungsgericht die Möglichkeit dem Präsident nennenswerten Widerstand zu leisten. Im Gegenteil, beide Institutionen waren längst zum Erfüllungsgehilfen einer allein partikularistische Interessen bedienenden Hauspolitik Akaevs und seiner Familie geworden. Widerstand einzelner Politiker und gesellschaftlicher Gruppen gegen diese persönliche Bereicherung führten im März 2002 zu einer ersten großen Krise, den Aksy Ereignissen, bei denen durch einen Zusammenstoß zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften 6 Menschen starben. Die anschließende Welle von Protesten gegen das Regime Akaevs konnte nur durch die Generalmobilmachung aller Manipulationsressourcen eingedämmt werden. Drei Jahre später, im März 2005, versagte dieses System, als Demonstranten, empört und aufgeschaukelt durch Manipulationen bei den Parlamentswahlen, erst ganze Gebiete (vor allem im Süden) des Landes unter ihre Kontrolle brachten und schließlich in der Hauptstadt Bischkek den Regierungssitz stürmten. Akaev hatte zu diesem Zeitpunkt bereits das Land verlassen und war gen Russland geflohen. In der Folgezeit dieses als Tulpenrevolution in die Geschichte der jungen Republik eingegangenen Ereignisses etablierte sich unter Kurmanbek Bakiev, einem führenden Mitglied der Opposition, ein neues Regime. In den ersten beiden Jahren seiner Regentschaft konnte man dabei das Gefühl gewinnen, ein von einer progressiven öffentlichen Meinung getriebener Präsident würde zu nachhaltigen Reformen gezwungen. Allerdings gelang es Bakiev sukzessive die zur Freiheit aufgestoßenen Türen wieder zu schließen. Mit der Niederschlagung von Protesten im April 2007 und einem Verfassungsreferendum im Herbst desselben Jahres schuf der Präsident die Voraussetzungen, um seinen autoritären Ambitionen vollste Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. Für die Präsidentschaftswahlen im Sommer 2009 hatten sich lange zuvor alle Hoffnungen auf einen zweiten Staatswechsel zerschlagen.
In Kyrgyzstan ist die Frage nach den entscheidenden Akteuren im Spiel um die Macht ein Dauerbrenner. Teilnehmer werfen sich gegenseitig vor, Repräsentanten informeller Gruppen zu sein und nur kurzfristige Bereicherungsinteressen zu verfolgen, während Beobachter versuchen, mit Rückgriff auf neotraditionale Institutionen Struktur in diesen Wettstreit konkurrierender Machtansprüche zu bringen. Clan Politics ist zum Schlagwort einer Debatte in den Central Asian Studies geworden, bei der inzwischen nicht mehr klar ist, was an Begriffen von außen in sie hineingetragen wurde und wo mit Rückgriff auf Beobachtungen vor Ort argumentiert wird. In Kyrgyzstan ist besonders während der Demonstrationen 2006 und 2007 die mögliche Spaltung des Landes in Nord und Süd thematisiert worden. Getrennt durch das Tien-Shan Gebirge ist die geläufige Meinung, dass die Menschen im Süden eher religiös sind und dem islamischen Kulturkreis nahe stehen, während der Norden starke sowjetische Wurzeln hat und Teil des Russisch-Slawischen Kulturraumes sind. Beide Seiten werfen sich dabei vor, nicht das wahre Kyrgyzentum zu repräsentieren sondern von anderen Kräften überformt worden zu sein. Ist die Teilung in Nord und Süd eine erste Orientierung für informelle Gruppenakteure, so ist die Einteilung in Klane oder erweitere Verwandtschaftsnetzwerke eine zweite. Allerdings werden selten die traditionalen Bezeichnungen der kyrygzischen Clans oder Tribes (urukh oder uruu) hervorgeholt, um Klassifizierungen von politischen Akteuren zu leisten. Eher entsteht der Eindruck, hier werden Schubladen auf- und zugezogen, um den politischen Gegner zu diffamieren. Auf einer dritten Ebene werden informelle Gruppen weitaus kleiner konzipiert und nur enge verwandtschaftliche Verhältnisse oder aber lokal sehr begrenzte Herkünfte sowie gemeinsame Berufserfahrungen als Kriterien bemüht. Alle drei Versuche sind mit wechselndem Erfolg gekrönt. Fast immer scheint ein zweiter Blick die angeblichen festen Bande wieder aufzulösen.
Die Frage stellt sich mithin inzwischen weniger nach dem ‘Wesen’ informeller Beziehungen, sondern vielmehr nach den Möglichkeiten ihres Zustandekommens. Das Argument einer Neotraditionalisierung der kyrgyzischen Gesellschaft muss umgedreht werden und die Frage sich auf die Möglichkeiten einer Produktion informeller Bande konzentrieren. Denn es verblüfft der rasante Zerfall und Neuaufbau informeller Netze, die ständige Rotation von Kadern, wo in immer schneller ablaufenden Zyklen eine immer größere Menge an (personalem) Ausschuss produziert wird. Eine vorläufige Erklärung kann hier mit Rekurs auf die Bedingungen einer modernen Öffentlichkeit mit modernen Mitteln der Informationsbeschaffung vielleicht die Schwierigkeiten beleuchten, auf die Akteure bei dem Versuch treffen, die vielen über Zeitung, Fernsehen, Internet und Mobiltelefone transportierten Informationen zu sortieren. Nicht in der Lage, angesichts einer immer auch widersprüchlichen Informationslage klare politische Loyalitäten auszubilden, bleibt dem Teilnehmer des politischen Spiels am Ende nur die Wahl, sich auf Gedeih und Verderb der Herrschaft anzudienen in der Hoffnung, wenigstens für einen kleinen Zeitraum Zugang zu den von staatlichen Organen verwalteten Ressourcen zu bekommen. Diese in Kyrgyzstan wunderbar beobachtbare Strategie der Kooptation hat ohne Zweifel ihre spezifischen Schwachpunkte, allerdings muss auch festgehalten werden, dass sie im Laufe der Jahre als Alternative zu rein informellen (oder traditionalen) Loyalitätsbanden an Platz gewonnen und auch vier Jahre nach der Tulpenrevolution nicht nur Klane, sondern auch moderne Vorstellungen von Opposition an die Wand gespielt hat. Die nächste Frage ist dann, wie eine Herrschaft sich wird dauerhaft sichern können, wenn sie durch Kaderrotationen immer mehr Ausschuss produziert, gleichzeitig aber gerade damit auch immer mehr Begehrlichkeiten. Ob Bakievs Strategie der verstärkten Anwendung von Repressionen hier für die Zukunft die Sicherung der Macht verspricht?
In diesem Sinne nur konsequent ist der jüngste Deal zwischen Präsident Bakiev und der russischen Führung. Im Ausgleich für einen vom Bakievregime vielseitig (unter anderem für vermehrte Kooptation und verstärkte Repression) verwendbaren Milliardenkredit in Form von Budgethilfen und Investitionsgeldern für den Bau eines gewaltigen Staudamms am Fluss Naryn (Syr-Darja) hat Bakiev versprochen, die auf dem hauptstädtischen Flughafen Manas dislozierte Militärbasis der Amerikaner schließen zu wollen. In Zeiten, in denen die neue Obama Administration eine neue Afghanistanstrategie einleitet, und verstärkt Truppen in die Gegend entsendet, trifft diese Entscheidung der Bakievadministration die US Führung wie ein harter Schlag. Seit Verkündung der Entscheidung durch Bakiev direkt im Anschluss an die Kreditverhandlungen in Moskau laufen Gespräche zwischen Washington und Bischkek. Inzwischen scheint eine Kompromisslösung in greifbarer Nähe, welche es den US geführten Streitkräften den Verbleib auf der Basis erlaubt. Den Gesichtsverlust gegenüber einer über die anfängliche Entscheidung Bakievs begeisterten Öffentlichkeit wird der Präsident wettzumachen versuchen mit Hilfe einer ausgiebigen Bedienung aus den Kredittöpfen und dem ausgeweiteten Einkauf von Stimmen.
Mit diesem bargaining zwischen den Großmächten USA und Russland tritt Bakiev in die Fußstapfen seines Vorgängers, der im Lavieren zwischen Versprechen an beide Seiten immer das beste (in Form finanzieller Zusagen), erst für sich und seine Familie, und dann für Kyrgyzstan herauszuholen versuchte. Allerdings muss auch hier festgehalten werden, dass der Zweigleisigkeit Probleme entspringen, die auf Dauer das Leben eines erwachsenden Autoritarismus schwer machen können. Weder stellt sich Russland absprungbereit an der Grenze Kyrgyzstan auf, um im Falle einer inneren Regimebedrohung helfend herbeigeritten zu kommen, noch sind die Amerikaner willens, auf Grund militärischer Strategiebedürfnisse alle anderen Komponenten ihrer Außenpolitik in den Hintergrund schieben zu wollen. Und das wiederum garantiert die für die Bakievadministration nervende Anwesenheit demokratiefördernder Parteienstiftungen wie NDI oder IRI beziehungsweise kritische Worte vom State Department oder innerhalb der OSCE. Aus dieser Perspektive scheint die Situation des heutigen Regimes unter Präsident Bakiev gar nicht so verschieden von den Abhängigkeiten, unter den Akaev zu agieren gezwungen war.
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