Die letzten drei Tage habe ich in den Vormittagsstunden mit meiner Doktormutter in einem gemütlichen Cafe im Zentrum Bischkeks verbracht. Wir hatten uns zum Arbeiten zurück gezogen und versucht, unsere ganze Aufmerksamkeit meiner Dissertation zu widmen. Was auch nicht allzu schwer war, da Cafe und Kuchen lecker waren, das Wetter bombastisch und die Atmosphäre auf den Straßen sehr angenehm. Jetzt weiß ich, wo an meiner Diss noch Veränderungen eingefügt werden müssen und welche Teile mehr oder weniger abgabefertig sind.
Selbst bei Spaziergängen über die Boulevards von Bischkek fühlt man sich zur Zeit relativ unbefangen. Die Nationalflagge auf dem Platz Ala-Too flattert in vollem Wind, die Springbrunnen versuchen mit aller Kraft, ein wenig Feuchtigkeit gegen die Hitze zu versprühen und die Menschen gehen ganz normal ihren Angelegenheiten nach. Auch im Fernsehen am Abend kann man sich dieser Stimmung hingeben. Schließlich ist WM und die wird auf allen Kanälen live übertragen. In manchen Restaurants sind extra Leinwände aufgestellt, auf denen man den Spielen in Südafrika gebannt folgen kann.
Die Atmosphäre kippt, wenn man sich abends dann vor den Fernseher hängt und Euronews schaut. Da wird von gewaltigen Flüchtlingsströmen berichtet, von mehr als 100 000 Uzbeken ist die Rede, die sich über die Grenze von Uzbekistan machen. Und von unzähligen Toten, die auf den Straßen von Osch oder Dzhalal-Abad liegen und nicht bestattet werden können, da immer noch mordende Banden durch die Viertel ziehen und drohen, jeden zu erschießen, der ihnen über den Weg läuft.
Kurzum, die Realität bietet sich mal wieder sehr irritierend an. Es wird surreal. Im Norden geht man in die Cafes, während der Süden im Chaos versinkt.
Alles, was uns bis jetzt an Informationen erreicht, deutet darauf hin, dass das Schlimmste noch bevor steht. In dem Sinne, dass uns noch bevor steht zu entdecken, wie groß das Unheil wirklich ist. Mittlerweile mehren sich aber die Augenzeugenberichte und aus denen wird klar, dass das Ausmaß der Tragödie viel größer ist, als es die offiziellen Nachrichten auf KTR, dem kyrgyzischen ‘Ersten Kanal’, vermuten lassen. Wo KTR von inzwischen knapp 200 Toten berichtet, kursieren überall im Netz Gerüchte, nach denen diese Zahl mindestens verzehnfacht werden muss. Unterstützt werden diese Gerüchte von Augenzeugen, die erzählen, dass an vielen Orten Leichenberge herumliegen.
Auch die kyrgyzischen Medien fangen langsam an, darauf hinzuweisen, dass die Totenzahlen nur die offizielle Statistik widerspiegeln, also nur jene Gestorbene erfasst, die auch in Leichenhallen und zur Untersuchung eingeliefert wurden. Dieser Methode entgehen jene viele, die direkt von ihren Angehörigen bestattet wurden, jene, die niemand bestatten konnte, weil keiner mehr da war und jene, die man vielleicht noch gar nicht gefunden hat. Im Netz tauchen immer mehr Fotos auf, in denen zu sehen ist, wie Tote aufgebahrt oder begraben werden. Dabei wird schnell klar, dass hier nicht unbedingt die offizielle Statistik greift.
Die Übergangsregierung, in Zusammenarbeit mit einer geschockten Öffentlichkeit ist schnell dabei Mythen über das Vorgefallene zu produzieren. Wenn die WM nicht hilft zeigt man im Fernsehen eben schöne Bilder oder berichtet kurzerhand über die Erfolge in der Stabilisierung der Lage und das Einsammeln von Spenden. Wichtig scheint allen klar zu machen, dass das was passiert ist, unter keinen Umständen als Ausdruck eines ethnischen Zwistes verstanden werden darf. Hier wird mit einer solchen Brutalität an einer Geschichte der Provokation gebastelt, dass es fast schon wieder naiv klingt. Entweder es sind ehemalige Gefolgsleute Bakievs, oder aber ‘Narkobarony’, islamistische Söldner oder die Agenten ausländischer Kräfte. Bloß aber nicht kyrgyzische Jungs, die aus welchen Gründen auch immer, ob nun bezahlt oder nicht, besoffen oder nicht, auszogen, um Uzbeken zu morden.
Ich fürchte aber, dass es genau das ist, was wir in den nächsten Wochen werden realisieren müssen. Zumindest als ein wichtiger Teil des großen ganzen Bildes. Es sind hundertausende Uzbeken, die zur Grenze flüchten, es sind uzbekische Diasporen, die in Moskau demonstrieren und es sind erschreckend häufig Uzbeken, die in Augenzeugenberichten die Opfer von grausamen Gewalttaten wurden. Und es sind eben wenig Berichte über fliehende, demonstrierende oder aber ermordete Kyrgyzen zu finden. Das ist erschreckend und ich habe Sorge, dass aus dem sowjetischen Reflex nach einer unverbrüchlichen ‘Druzhba Narodov’ (Freundschaft der Völker) der Versuch gerinnt, ja alles mit dem Mantel der Einheit und Harmonie zu bedecken. Konflikte löst man am besten, indem man sie verschweigt, lautet hier die Maxime.
Das darf nicht passieren, es darf nicht wieder so enden, dass man öffentlich ja alles vergisst, was an Tragödie sich ereignete. Bezeichnenderweise gibt es bis heute keine Geschichte der ‘Ereignisse von Osch’ vom Juni 1990. In der Öffentlichkeit waren und sind diese Geschehnisse ein Tabu, über das zu reden (oder zu forschen) als unangemessen erachtet wird. Ob im Zuge der laufenden Katastrophe hier der ein oder andere kritische Teil der Öffentlichkeit den Versuch wagt, mal neue Fragen zu stellen und unter den Mantel zu schauen, bleibt abzuwarten. Sollte Ansätze unternommen werden, verdienen sie jede Unterstützung!







3 Antworten zu „Katastrophe im Süden Kyrgyzstans“