Archiv der Kategorie 'Privatisierung'

Kyrgyzstan auf dem Weg zum Feudalwesen

Man ist schon ein wenig geschockt. Da tritt der kyrgyzische Präsident vor dem Parlament auf, erklärt die größte administrative Strukturumwandlung seit Jahren, und es bleibt ruhig. Sowohl in der Öffentlichkeit als auch auf analytischer Ebene. Sicher, die Ansammlung präsidialer Bewunderer mit Namen Ak-Zhol drückte ihre zutiefste Zufriedenheit aus ob der angekündigten Pläne. Und der ein oder andere Experte erklärte, dass das alles grandios sei, was passiere, dass endlich die Reform beginne, oder aber man verdammte alles als Simulation von Wandel, der gar keiner ist.

So langsam aber macht sich der Eindruck breit, dass tatsächlich ein Wandel vollzogen wird. Der flächendeckende Raub an der Gesellschaft wird in formale Strukturen gegossen. Es entsteht die politische Figur eines Feudalwesens, bei dem sich die herrschende Familie als offiziellen Machthaber feiern lässt und sich in der Exploitation der Untergebenen engagiert.

Entscheidend bei dieser Neugestaltung der Strukturen der exekutiven Macht im Staat ist nicht allein die zunehmende Unterordnung von Regierungskompetenzen unter die direkte Kontrolle des Präsidenten, sondern auch die Besetzung entscheidender Stellen in der mit der Verwaltung dieser Kompetenzen betrauten Agentur mit Verwandten des Präsidenten. Wie ein Kommentar in der Zeitung ‘Delo No. ..’ konstatiert, befindet sich mit dem Bruder des Präsidenten Zhanysh Bakiev als ihrem Leiter bereits eine der unbekanntesten Sicherheitsagenturen des Landes, der ‘Dienst für Staatlichen Schutz’, unter der ausschließlichen Kontrolle der Familie Bakiev. Nun wurde mit der Ernennung von Maksim Bakiev, dem älteren Sohn des Präsidenten, auf den Posten des Direktors der neu geschaffenen ‘Zentralen Agentur der Kyrgyzischen Republik für Entwicklung, Investitionen und Innovationen’ auch die Verwaltung der staatlichen Finanzströme in Familienhände genommen. Spekuliert wird außerdem auch darüber, dass mit Marat Bakiev, dem zweiten Sohn des Präsidenten, in Bälde der Staatliche Geheimdienst, reorganisiert als ‘Staatlicher Dienst für nationale Sicherheit’, von einem Familienmitglied der Bakievs geleitet werden wird.

Sicherheitskräfte und Finanzströme unter der Kontrolle einer Familie, an deren Spitze ein Politiker steht, der 2005 im Zuge der Tulpenrevolution antrat mit dem Versprechen, Vettern- und Günstlingswirtschaft zu beenden. Sorgevoll stimmt bei dieser Entwicklung weniger die Tatsache, dass hier passiert, was in den anderen zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken bereits die Norm ist, sondern die Brutalität und Zielgerichtetheit, mit der dieser Umschwung von Statten geht. Bakiev schreit geradezu hinaus in die Öffentlichkeit, wie wenig in die Meinung selbiger interessiert. Ungebunden durch formale Restriktionen und umgeben von einem Herr opportunistischer Politiker wie der Brüder Kongantiev, dem Toraga Aitibaev, Abgeordneten wie Masaliev, Isabekov, Ormonov, Torobaev und Zijadin Zhamaldinov und schließlich ewigen Autoritaristen wie Madumarov oder Sutalinov, kann sich der Präsident es nun erlauben, öffentlich die Plünderung der verbleibenden Ressourcen im Land in Angriff zu nehmen.

So wird beispielsweise nicht nur der Staatliche Geheimdienst komplett der Verwaltung des Präsidenten untergeordnet, die von Maksim Bakiev von nun an geleitete ‘Zentrale Agentur’ übernimmt auch so primäre Regierungsaufgaben wie die Erstellung des nationalen Budgets, womit die (theoretisch mögliche) Kontrolle durch das Parlament der Vergangenheit angehört. In Verbund mit der durch Maksim von heute an verwalteten Aufgabe der Betreuung von Investitionen kann man nur hoffen, dass bei der anstehenden Plünderung des Volksvermögens in Form von Privatisierungen Brotkrümeln abfallen, die sich vielleicht als Effizienzsteigerung der sowieso schon völlig maroden Infrastruktur des Landes realisieren.

Allerdings: zu befürchten steht das Gegenteil. Und sollte dann jemand protestieren wollen, bekommt er Besuch von Bakievs Verwandtschaft.

Winterschlussverkauf in Kyrgyzstan

Es ist was los in KG. Chudinov, der neue Premier Kyrgyzstans seit Ende Dezember 2007, war gar allzu bemüht, um bei seiner ersten Auslandsreise nach Moskau bei Miller vorzusprechen und ihn zu einem Investment in Kyrgyzstan zu bewegen. Anscheinend hat es geklappt. Gazprom wird in den nächsten Jahren den Gassektor in der Republik übernehmen, sich den – noch – staatlichen Monopolisten Kyrgyzgaz einverleiben (86% der Aktien gehören dem kyrgyzischen Staat) und dann die Exploration möglicher Fundstätten vorwärtstreiben. Ob die Aufgabe von Kyrgyzgaz, nämlich die Bewohner der Republik mit Gas zu versorgen, dabei im Vordergrund der Expansionspläne Gazproms steht, bleibt Spekulation. Gazprom muss schließlich befürchten, dass Turkmenistan in nicht allzu ferner Zukunft die Lieferungen drosseln wird (China will seinen Anteil am turkmenischen Gas). Ob Kyrgyzstan hier Ersatz bieten kann, darf natürlich bezweifelt werden (eigentlich unmöglich bei den geringen Reserven), aber fragen kann man schon, ob sich Gazprom mit den Tarifzahlungen zufrieden geben wird, die kyrgyzische Nutzer aufbringen können oder ob man nicht gleich alles an den zahlungskräftigeren Westen weiterverscherbelt …

Es riecht ein bisschen nach dem Ausverkauf, den 2003 Tanaev mit Kumtor ins Rollen gebracht hatte, der größten Goldmine des Landes in der Issyk-Kulskaja Oblast. Alles soll besser jetzt als morgen privatisiert werden. Die Partner (Russische und Chinesische Multis) stehen Spalier und warten nur auf das Zeichen. Und im Zhogorku Kenesh scheint niemand auch nur Interesse zu zeigen für die Formen der Ausschreibung, für den Erhalt eines Mitspracherechts des Staates oder einfach grundlegende Regeln der Transparenz.

Gleichzeitig frieren in Kyrgyzstan die Menschen. Seit Wochen eine Kältewelle, zu wenig Gas wegen überhöhter Preise in Uzbekistan und ständig Stromausfäll, da alle Menschen das fehlende Gas mit dem Anschmeißen von Obogrevateli zu kompensieren versuchen. Auf einer Veranstaltung erzählte gestern noch der deutsche Botschafter in Kyrgyzstan, Grewlich, von den Bronchenproblemen seiner Botschaftsmitarbeiter, da in Kyrgyzstan die Menschen nun anfangen, alte Reifen und Altöl zu verbrennen, damit es wenigstens ein bisschen warm ist. Ob das nun so stimmt, mag dahingestellt sein, aber dramatisch ist die Lage schon. Um die Jahreswende herum erfroren auf Grund des Frosts gleich duzende Menschen allein in der Hauptstadt Bischkek.

Ob die Privatisierungspläne der Regierung und des Präsidenten Abhilfe für zukünftige Winter schaffen können, möchte ich stark bezweifeln. Das Reinholen von Profis ist wichtig, keine Frage. Die überbordende Intransparenz des ganzen Prozesses, die Eile, mit welcher der Ausverkauf betrieben wird ist allerdings kein gutes Zeichen. Man wird den Eindruck nicht los, dass hier einfach Filetstücke verscherbelt werden sollen, damit sich ein paar hochdotierte Herren in Kyrgyzstan (besonders eben Chudinov, Balkibekov und die Spitzen der staatlichen Energiebetriebe (not to mention BAKS und seine Entourage) die Taschen vollschaufeln können.

In einem Interview für die russische Zeitung Moskovskij Komzomolec sprach Chudinov dann auch folgerichtig von den Kyrgyzen und das wir (die Russen) verstehen müssten, dass sie nun unabhängig seien und wir uns darauf einstellen sollten. Klar, wo da die Loyalität hängt. Ganz sicher nicht bei Kyrgyzstan und seinen Bewohnern :(


 

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