Archive for the 'Internet' Category

Akipress Re-Introduces Commentary Feature

The News Agency Akipress, according to statistics the most popular news agency in Kyrgyzstan, established a commentary feature. Readers now can leave their comment and start to discuss the information provided by the agency. Public opinion making as its best (uncontrolled).

In its announcement Akipress informs readers about the forced decision in February 2009 to close the commentary feature on its website. As far as I remember, Akipress had started to delete old comments long before that, making it impossible to go back and get an impression of public discussions in times of the Tulip Revolution, the For Reforms protests or the United Front actions. Back then, commenting on political events was actually widespread:

Opening up the possibility to comment on news is good news and – as first reactions show – welcomed by the public in Kyrgyzstan:

 

Der „Arabische Frühling“ als Herausforderung für Zentralasien

In der Ausgabe Nr. 43-44 der Zentralasienanalysen fragen wir nach den Potentialen für Protest in Zentralasien:

To download the report follow the link: ZentralasienAnalysen43-44-1

New Article – INA Global

„The Changing Media Landscape in Kyrgyzstan and Central Asia“

New media and ICT are at the heart of the political and social upheaval that has been rocking the Arab world in recent months – a precedent that was set in a more obscure region in 2010.

Read more here!

New Coalition in Kyrgyzstan already Discredited before Forming the Government

Akipress published a document, showing the distribution of positions within the government and state related institutions and companies among the three parties ‚Respublika‘, ‚Ata-Zhurt‘, and ‚SDPK‘.

I repost the document here:

Copy Of Wikileaks File On Prince Andrew in Kyrgyzstan (Report of US Ambassador Gfoeller)

To download the full report (pdf) please follow the link: wikileaks

Warten in Ungewissheit

Vor ein paar Tagen erschien in dem in Kyrgyzstan bekannten Internet Forum diesel.elcat.kg ein langer Beitrag einer Frau, die sich ob der teilweise hasserfüllten postings echauffierte und ihre Erlebnisse als Kontrast darlegte. Ihr Bericht geriet sehr ausführlich und wurde wohl wegen seiner authentischen Schilderung von einigen Bloggern aufgegriffen und ins Netz gestellt. Das Thema auf diesel.elcat.kg wurde inzwischen geschlossen und der Text ist damit auf seiner Originalquelle nicht mehr zugänglich. Auf Blogs wie neweurasia.net ist er allerdings immer noch zugänglich und wurde dort inzwischen auch ins Englische übersetzt.

Ich habe mich daran gemacht, den Text ins Deutsche zu übersetzen, weil auch ich finde, dass er einige Dilemmas der gegenwärtigen Krise hervorhebt. Zwei Dinge springen mir besonders ins Auge:

Zum einen der im Text wiederkehrende Rekurs auf die neuen Medien wie Internet und, noch stärker, Mobiltelefone. Die Autorin ist hin- und hergerissen zwischen der Anpreisung von Handys als wichtigen Instrumenten, um überhaupt zu erfahren, was im Süden passiert und Informationen über die Lage ihrer Angehörigen zu bekommen. Gleichzeitig sieht sie die Gefahr, die von Handys ausgeht, wenn sich mit ihrer Hilfe Gerüchte in Windeseile verbreiten können und so die Situation sich weiter anspannt. Die Frage, die hier im Hintergrund lauert ist die nach den Möglichkeiten, in der heutigen Zeit Gerüchte bekämpfen zu können. Altsowjetisch mit Fernsehinszenierungen von Volksbruderschaften oder aber mit risikoreicher Aufklärung der tatsächlichen Geschehnisse ohne Gewähr auf Erfolg (die Büchse der Pandora)?

Zum zweiten ist, meiner Meinung nach, den ganzen Text hindurch zu spüren, wie sehr die Autorin versucht ist, die Geschehnisse als Resultat einer konzertierten Aktion ‚dritter Kräfte‘ zu interpretieren. Und wie sie gleichzeitig entsetzt darüber ist, dass zwei Völker es so weit haben kommen lassen, dass an ihre ‚tierischen Instinkte‘ appelliert und angeknüpft werden konnte. Das Dilemma hier ist meines Erachtens nach die Erkenntnis, dass eine jede Provokation und Manipulation immer nur dann wirksam werden kann, wenn es jemanden gibt, der sich provozieren und manipulieren lässt. So wird in diesem Text bereits deutlich, wie schwer in Zukunft die Aufarbeitung der Ereignisse werden wird und wie sehr das permanente Wiederholen der Erzählung von den ‚dritten Kräften‘ nicht verhindern kann, dass man sich irgendwann hinsetzen muss, um zu versuchen zu verstehen, wie die Spirale der Gewalt, einmal in Gang gesetzt, so schnell und unbarmherzig sich Bahn brechen konnte.

Bei der Übersetzung des Texts habe ich mich weniger um sprachliche Eleganz bemüht, sondern häufig direkte Übersetzungen gewählt, was den Text vielleicht etwas holprig erscheinen lässt. Darüber hinaus gebe ich keine Gewähr für eine fehlerfreie Übersetzung. Sollten jemandem Sinnverfälschungen auffallen, bin ich für einen kurzen Hinweis dankbar.

TEXT:

„Ich beginne damit zu erzählen, dass ich Südlerin bin. Ich bin in Osch aufgewachsen. Zur Zeit befinden sich alle meine Verwandten in einer sehr schwierigen Lage in der Stadt Osch. Warum ich schreibe? Weil es bei mir hochkommt, und ich wende mich an alle, denen Computer und das Internet zugänglich sind. Hier auf Diesel [Internetforum diesel.elcat.kg] setzt gleich nach Erscheinen des Themas – der Erörterung der Ereignisse und die Ursachen des Kriegsausbruchs im Süden – das Volk mit der Teilung in Nationalitäten ein, bemerkt das, und dabei nicht nur Uzbeken und Kyrgyzen, sondern man fühlt auch sofort, wer welcher Nation angehört, sehr markant – und dann wird das Thema auch schon geschlossen, und eben deswegen habe ich mich entschieden, hier über meine Gefühle zu schreiben und über das, was ich beobachtet habe.

Ich bin Kyrgyzen, bin im Süden aufgewachsen und lebe hier. Meine Mutter kommt aus dem Norden, mein Vater ist Südler. Mich hatte erst aufgeregt, dass man versucht uns in Nord und Süd einzuteilen, dann kam noch ein viel schlimmeres Unglück und der Krieg begann, ein wirklicher Krieg, in meiner kleinen Heimat. Meine Eltern und alle meine Verwandten sind inzwischen aus ihren Wohnungen geflohen, oder genauer, man schaffte es sie einzeln hinaus zu bringen in die Dörfer vor der Stadt. Im Moment leben ungefähr 5 Familien in einem kleinen Haus. Auf der Flucht nahmen sie noch schnell unsere usbekische Nachbarin und ihre Tochter mit sich (ihr Mann ist heute in sein Haus gefahren, das sich in einer stadtnahen Makhalla [usbekische Siedlung] befindet, sein Feld bearbeiten). Bis dahin befanden sie sich tagelang jeder in seinem Rajon [Distrikt] und konnten sich nicht fortbewegen und nicht im Notfall zur Hilfe eilen. Gott sein Dank gibt es Mobiltelefone, da ja die städtischen Verbindungen gekappt wurden. In einigen Rajonen wurden umgehend Licht und Gas abgestellt. Jetzt verstehe ich, dass Mobiltelefone gut und schlecht sind, du erfährst halt, dass alle am Leben sind, und auf der anderen Seite verbreiten sich Gerüchte in Blitzesgeschwindigkeit. Die Eltern meines Mannes gerieten in eine Blockade, in der sie sich bis jetzt befinden, auch seine Schwester mit ihren zwei Kindern, allerdings in einem anderen Rajon (dabei arbeitet ihr Mann in den Sicherheitsorganen und kann nicht bis zu ihr durchkommen, überall wird geschossen). Die Eltern meines Mannes wohnen in einer Straße, wo nur Uzbeken leben, und jetzt haben sie dort zusammen Barrikaden aufgebaut und schützen sich vor allen, wenn geschrien wird, das Usbeken kommen, werden die Eltern geschützt, wenn Kyrgyzen kommen, laufen alle ins Haus der Eltern, außerdem bringt man sich gegenseitig Lebensmittel.

Mein Vater kam im Vorfeld der Ereignisse hierher zu einer Versammlung geflogen und hatte ein Rückflugticket für den 11. Juni reserviert. Am Abend unterhielten wir uns über die Lage in Osch (wegen der Ereignisse in Dzh-Abad) und Papa sagte, dass alles ruhig ist, es nicht mal irgendwelchen Anzeichen gäbe. Am nächsten Morgen um 6 riefen dann gleichzeitig Mitarbeiter aus Osch meinen Vater an und meinen Mann rief seine Mutter an und alle erzählten, dass Uzbeken und Kyrgyzen aufeinander losgehen, dabei konnten wir die Schüsse im Hintergrund der Gespräche sehr gut hören, und dabei befanden sie sich an verschiedenen Enden der Stadt. Wir waren schlicht schockiert und hätten es nicht glauben können, wenn nicht die Schüsse so laut durch den Hörer vernehmbar gewesen wären. Uns wurde erzählt, dass die einfallenden Uzbeken gut bewaffnet seien, und die Kyrgyzen nur Stöcke und einfache Ausrüstung besäßen. Papa sagte sofort, dass die Uzbeken das nicht nötig hätten. Ich war einfach nur geschockt, woher hatten die Menschen so viele Waffen, um die gesamte Stadt einzunehmen. Am Morgen hieß es dann bereits, dass Leute aus Alay ankommen, genau wie in 1990, als sie nur 3 bis 4 Tage brauchten um sich zu sammeln und aufzulaufen, das war alles sehr verstörend. Seit dieser Zeit sitze ich tagelang am Telefon, rufe reihenweise die mir Nahestehenden an und sorge mich sehr um sie. In den ersten Tagen war es schlicht nicht auszuhalten, meine Nerven versagten. Alle 30 Minuten wurde ich angerufen und mir wurden schlimme Einzelheiten mitgeteilt über das, was vor Ort passiert, über das, was Uzbeken mit Kyrgyzen anstellten, und Kyrgyzen mit Uzbeken, schlimmste Grausamkeiten, ohne jemanden zu verschonen. Woher diese Informiertheit?, wobei man alles an verschiedenen Enden der Stadt erfuhr und dann auch in den Dörfern (Da hast du die Mobiltelefone mit all ihren Vorteilen). Einige hier überlegen, wie das möglich ist, woher das kommt usw. ….

Wisst ihr, wenn man Euch von schlimmen Morden erzählt, dann stehen einem die Haare zu Berge, und wenn direkt vor Euren Augen tötet und bei lebendigem Leibe verbrennt, dann kocht nicht nur das Blut, sondern dann machst du dich selbst auf und nimmst Rache, und genau damit hat eiskalt gerechnet derjenige, der sich das alles ausgedacht hat, dem völlig egal ist das Schicksal und das LEBEN des einfachen Volkes, der keinen Gott fürchtet, der ruhig danach schlafen kann, das sind grausame Menschen!!!! Erst mit einiger Zeit habe ich verstanden, dass das sehr gut geplante Provokationen waren, ich bin mir darin jetzt sicher. Sie haben einfach zwei Völker gegeneinander aufgepeitscht, das hat jemand gemacht, der den Süden sehr gut kennt und wusste, wie man das Volk bis zum Siedepunkt bringen kann, bis zum Brudermord, ihr Gefühle bis hin zum tierischen Instinkt. Und dabei haben sie dann noch Osch und Dzhalalabad geweckt, diese Städte, in denen die größte Anzahl Uzbeken lebt, 60%. Es ist einfach hier zu sitzen und zu urteilen, und sich dann auch noch auf den Seiten zu teilen. Schaut Euch selbst an, ihr seht Euch nicht mal, kennt Euch nicht mal und fangt schon an Euch im Forum zu überwerfen, Euch gegenseitig zu beschuldigen, und wie können wir dann darüber reden, was dort passiert ist, über ihre Gefühle, wenn die das dort sehen müssen, wenn ihnen erzählt wird, dass die Ihrigen abgeschlachtet werden, erschossen usw. ich erzähle keine Einzelheiten, die ich auch gehört habe, was mit ihnen gemacht ….. Wenn ich meine Mutter anrufe, und sie nimmt den Hörer nicht ab, und ruft dann Gottseidank aber doch an und erzählt, dass unter den Fenstern die Kalten entlang liefen und schossen, und sie sich mit der uzbekischen Nachbarin in der Toilette versteckt hatte und dann im Vorraum, seit zwei Tagen nicht schläft, nicht isst, und meine Mama ist eine kranke Person, könnt Ihr Euch vorstellen wie ich mich fühle und meine Wut und meine Machtlosigkeit, ganz zu schweigen von ihrem Zustand.

Das ist unser aller Unglück, wir werden benutzt wie sie es wollen, und wir gehen darauf ein. Wisst Ihr, wegen irgendwelcher belanglosen Streitereien, und solche gibt es dort durchaus häufig, passiert so etwas nicht, ansonsten hätten im Süden alle einander schon umgebracht. Sogar schwere Verbrechen entwickeln nicht ein solches Ausmaß, wie wir es jetzt haben, als ob eine Verschwörung gegen den ganzen Süden läuft schaut doch, wie sich der gesamte Süden spontan erhoben hat, überall konnten wir Funken beobachten. Das war eine ganz klare Rechnung und sie wird weiterhin bedient. In den Dörfern, in denen es gemischte Familien gibt, beispielsweise in Aravan, dort haben Verwandten meines Onkels am Telefon erzählt, dass man sich versammelte und miteinander sprach, und damit war der Konflikt beendet. In Osch und Dzhalalabad gibt es geschlossen uzbekische Wohngebiete, die haben dort ihre eigene Welt und ihre Gesetze und Regeln, die sind alleine unter sich, und ebenso in den Dörfern haben die Kyrgyzen ihre eigenen Regeln und sie sprechen nicht mit den Uzbeken, deswegen war es auch genug sie mit den schrecklichen Einzelheiten über das Vorgefallene zu versorgen (einem jeden wurde seine Information zuteil), als der Krieg begann, Blut für Blut, wer im Süden zu dem Zeitpunkt gelebt hat, der wird mich jetzt gut verstehen. Ich war selbst Gefangene der Ereignisse von [19]90 und ich weiß nicht nur vom Hörensagen, wie schrecklich das ist, wenn du da sitzt und nicht atmest, damit sie nicht in dein Haus kommen und dich nicht töten. Hier stellen das manche auch als einen Genozid dar, was für ein Genozid, wenn sie die einen und die anderen umbringen. Man spricht über die Flüchtlinge, und ja, es schmerzt mir ihretwegen, und wohin sind aber die Kyrgyzen gelaufen, denn es gibt sie und ihrer sind nicht wenige, aber sie sind in die anderen Dörfer gelaufen, in die Berge, sie haben kein anderes Territorium, deswegen sieht man sie auch nicht und darüber wird nicht berichtet.

DAS EINFACHE VOLK BRAUCHT KEINEN KRIEG. Sie haben in Ruhe und Frieden auf ihren Märkten gearbeitet, auf den Feldern. Ihrem Mann hat meine Mutter am ersten Tag gesagt dass das dritte Kräfte waren, dass man das sagt, zum Glück haben sie das alle sofort verstanden und gemeinsam angefangen sich zu schützen. Mein Schwiegervater und sein uzbekischer Nachbar zogen aus, den Weg auszukundschaften, um wenigstens irgendwohin flüchten zu können, dann begannen sie zu schießen, und zu zweit flohen sie dann vor den Kugeln und erzählten dass man sie gerade fast getötet hätte. Gott sei dank fangen die Leute jetzt an zu verstehen, dass man sie gegeneinander aufgebracht hat, dass das alles Provokationen waren, leider aber nicht in allen Rajonen. Heute habe ich mit meiner Schwester gesprochen (die sitzen in einem kyrgyzischen Dorf, ich meine abgeschnitten), und ich habe heute in ihrer Stimme das Bedauern darüber, den Scham, dass man sie ausgenutzt hat, und sie darauf eingestiegen sind. Bis dahin kamen jeden Tag bis zu ihnen die Gerüchte, dass die Uzbeken morden, dass sie quälen, und ich fühlte ihre Wut, nun aber wird klar, dass in den uzbekischen Mahallas das gleiche passierte. Und Gott sei Dank bekommen viele nun mit, was genau vorgefallen ist, was sie angerichtet haben und sie versuchen sich zu versöhnen, und das sind keine Gerüchte.

Leider bleiben Rajone wo das Volk noch nicht verstanden hat, wo man es unterstützt und es fortlaufend mit Gerüchten füttert und sie haben auch noch Waffen. Auf den Dächern sitzen die Snaiper und schießen alle reihenweise ab, aber das Volk hat bereits verstanden, dass diese weder zur einen noch zur anderen Nation gehören, dass das Auftragsmörder sind. Und es ist gut, dass sie das jetzt verstanden haben, sie müssen doch auch weiterhin zusammen in einer Stadt leben, wo alles so miteinander verflochten ist und wie wertvoll ist dann solch ein Verstehen. Ich erinnere mich wie in den 90er die Anspannung sich lange hielt, die Angst voreinander, alle Sprachen miteinander fast nur im Flüsterton und erst nach einigen vielen Jahren fingen das Volk an zu vergessen, eine neue Generation wuchs heran, die solch eine Tragödie nicht kannte und dann auf einmal erneut ………

Dem Volk muss derjenige gegeben werden, der das alles organisiert ist, das wird gerecht sein. Jetzt sorge ich mich um meinen Nachbarn (der Mann eben derjenigen Nachbarin), gestern hat er noch gesagt, dass er das Feld pflügt (er ist ein toller Mensch, sehr ruhig, SEHR FRIEDLIEBEND und er brauch überhaupt keinen Krieg, ich wundere mich, alle kämpfen und er pflügt sein Feld), heute sitzt er irgendwo in seinem Haus und versteckt sich, da sein Rajon gefährdet bleibt. Gott möge verhindern, dass ihm etwas zustößt, wie werde ich in die Augen meiner Nachbarin schauen, die auf meiner Hochzeit geholfen hat, verschiedene Gerichte zuzubereiten, der ich dann später sich auskurieren half (ich bin eine ehemalige Ärztin). Wer trägt die Verantwortung für diesen ganzen Albtraum! Und deswegen braucht man das Volk auch nicht zu teilen und zu verurteilen. DAS EINFACHE VOLK BRAUCHT KEINEN KRIEG, UND DIE POLITIKER, DIE SICH DAS ALLES AUSGEDACHT UND REALISIERT HABEN MUSS MAN VERURTEILEN VOR DEM ALLERSCHLIMMSTEN GERICHT!!!!!!!! Mein armes Volk, mein armes Volk, meines armes Land, was hat man mit Euch gemacht, was hat man mit uns gemacht. Entschuldigt, dass ich so viel geschrieben habe, zuviel lastet auf meiner Seele.

Und ein letztes, vom ersten Tag an hat das Volk die Ankunft russischer Truppen erwartet und gefordert, jeden Tag schickte laut Gerüchte Russland seine Truppen und alle fingen an sich zu freuen. Das einfache Volk kann nicht die Taten seiner Politiker verantworten die eine so vielschichtige Politik verfolgen, und hier hat sich die Rechnung bezahlt gemacht, erinnert Euch an die Worte Zhanyshs und Maksims [Bruder und Sohn Kurmanbek Bakievs], dass die Russen nicht kommen werden. Was weiter wird, weiß ich nicht ….. Ich will in einem ruhigen Land leben so wie das bis [19]90 war. Ich habe Angst um mein Kyrgyzstan.“

Der Text im Russischen Original findet Ihr hier: BriefRussisch

Fragen an den 7. April (Teil 1)

Die jüngsten Ereignisse in Kyrgyzstan scheinen noch nicht ihr Ende erreicht zu haben, doch erste Versuche, das bisherige Geschehen in eine sinnvolle Erzählung zu gießen, haben bereits eingesetzt. Wahrscheinlich ist das ganz normal. Und die Frage, wie das alles passieren konnte, steht, wahrscheinlich auch ganz normal, an vorderster Stelle. Selbst die Antworten, die in Kurzbeiträgen im Fernsehen oder in Zeitungskommentaren und Blogeinträgen präsentiert werden, zeugen von einer deutlichen Offensichtlichkeit. Und geben vielleicht auch dadurch erst zu erkennen, dass man sich stärker bemühen muss, um wirklich erklären zu können.

Die Verweise, die bisher produziert werden, scheinen alle richtig und sind doch auf den zweiten Blick wenig befriedigend. Da ist von den erhöhten Strompreisen die Rede, die das Regime unter Präsident Bakiev und dem Premier Danijar Usenov Anfang des Jahres eingeführt hatte. Und mitten im Winter so der Bevölkerung auch noch die letzte Aussicht auf eine Flucht vor der Kälte nahm. Oder es wird auf die ausufernde Vetternwirtschaft hingewiesen, die Bakiev im letzten Jahr mit der Ernennung seines Sohnes Maksim zum ersten Investitionsverwalter des Landes offizialisierte. Und die alles Gerede von den Idealen der Tulpenrevolution am Jahrestag, dem 24 März vor knapp zwei Wochen, blanken Hohn werden ließ. Immer wieder taucht auch die Erwähnung der rabiaten Privatisierungen auf, also des staatlichen Ausverkaufs der Energieholdings wie Severoelektro oder Dzhalal-abad Elektro und der staatliche Telekommunikationsanstalt. Schließlich dürfen die Repressionen nicht vergessen werden, die unter Bakiev ungekannte Ausmaße angenommen hatten. Und die mit der Ermordung des Journalisten Gennadij Pavljuk im Rahmen einer Operation kyrgyzischer Geheimdienstler in Almaty im Dezember 2009 einen traurigen Höhepunkt erreichten.

Kundige der Internationalen Beziehungen bemühen darüber hinaus die Implikationen des ‚Great Game‘ in dieser ganzen Episode. Schließlich hat Russland in einer völlig neuen Vorgehensweise gegen das Regime Bakiev agitiert, indem es durch kritische Berichte den staatlichen Sendern in Kyrgyzstan Paroli bot; und den Menschen vor Ort eine echte Informationsalternative. Der Grund für dieses Verhalten des russischen Spitzenduos machen Beobachter geschwind aus. Der Bruch des noch im Frühjahr 2009 abgegebenen Versprechens Bakiev, die Amerikaner von ihrer Basis auf dem hauptstädtischen Flughafen Manas zu vertreiben, ließ Putin die Zornesröte ins Gesicht steigen. Dem Fass den Boden aus schlug dann aber die Zweckentfremdung der von Russland geleisteten Kredite in Höhe von 300 Millionen Dollar, an denen sich die Familie der Bakievs bereicherte. Besonders Sohn Maksim in der extra für ihn geschaffenen neuen ‚Zentralen Agentur für Entwicklung, Investitionen und Innovationen‘ nutzte allen Gerüchten nach die Gelder, um sein Geschäftsimperium auszudehnen und dabei noch mit den Amerikanern weiter anzubandeln. Vielleicht, so kann man auch vermuten, ging es den Russen weniger um das Ausmaß des Betrugs, als vielmehr um die Form, um dieses unverfrorene Bereichern vor aller öffentlichen Auge. Vielleicht war es Putin peinlich? Zumindest ist allen Strategisierern in den Internationalen Beziehungen eine weitere Buchseite aufgeschlagen, die bisher viele Fragezeichen, aber noch wenige gute Erzählungen enthält.

Meine Vermutung ist, dass gute Erzählungen, auch wissenschaftliche Erklärungen, erst dann produziert werden können, wenn sich vor Ort Anstrengungen, gleiches zu tun, in erste Resultate übersetzen. Was natürlich nicht bedeutet, dass man nicht frank drauflos räsonieren sollte. Auch so bieten die Ereignisse vom 7. April Anlass genug, Überlegungen anzustellen, wie man sie wohl fassen kann. Mindestens ist die Formulierung von interessanten Fragen drin, um so weiteres Nachdenken anzuregen. Ich möchte mich an dieser Stelle auf drei Momente konzentrieren, die ich nach wie vor nicht richtig sortiert bekomme, von denen ich aber glaube, dass sie in späteren Erzählungen vorkommen werden. Und wenn nicht als die alles entscheidende unabhängige Variable, so doch vielleicht als eine irritierende Fußnote? Die erste Frage lässt sich mit dem Begriff der ‚twitter Revolution‘ bezeichnen, die zweite beschäftigt sich mit der Gewalt, und die dritte zielt auf den Zeitpunkt der Ereignisse ab.

In einem Bericht zu den Ereignissen in Kyrgyzstan heißt es: „I have little doubt that the Kyrgyz protests, like those in Iran last summer, are going to be described as a ‚Twitter Revolution‘ — a hyperbolic term coined to describe the role of social media in battling authoritarian regimes.“ (Let the Revolution Be Archived, by Sarah Kendzior, 7 April 2010, Registan.net). Die Autorin berichtet von ihrer Jagd auf Informationen im Netz über die Ereignisse und ihre ‚live‘ Verbindung nach Kyrgyzstan, hergestellt über twitter, Facebook, YouTube und andere social media. Heute lese ich von bewundernden Iranern, die sich für ihre Strapazen im vergangenen Jahr während der Grünen Revolution ein ähnliches Resultat gewünscht hätten. Den Sturz des Tyrannen. Und die sich über die Ereignisse in Kyrgyzstan mit Hilfe des Netzes informieren.

Es mag angesichts der chaotisch agierenden Massen auf dem Platz und der Stöcke schwingenden Jugendlichen nicht unmittelbar der Eindruck entstehen, hier seien Handy bewaffnete Demonstranten am Werk. Und doch liefen in den Nachmittagsstunden des 7. April die Nachrichten auf twitter, die tweets, im fünf Sekunden Rhythmus über den Ticker. Auf YouTube und anderen Videoportalen erschienen ständig neue Videos, manche mit Handykamera gefilmt, manche von Reportern vor Ort gedreht. Das Internetforum diesel.elcat.kg schien zu Beginn als Diskussionsplattform zu dienen, wurde dann wohl gesperrt, anschließend gespiegelt und irgendwann später wieder geöffnet. Auch hier liefen permanent Informationen ein, während auf Email- Listen wie ‚Kelkel‘ sich Aktivisten organisierten und über Ereignisse überall im Land auf dem Laufen hielten. Auf twitter, viel stärker als auf Facebook, entwickelten sich umgehend auch Strukturen aus. So war nach kurzer Zeit ein ‚hash tag‘, also ein Schlüsselwort zur Wiedererkennbarkeit eines Themenbezugs, umgehend in der griffigen Formel ‚#freekg‘ gefunden. Andere wie ‚#Kyrgyzstan‘ oder ‚#newskg‘ flankierten und ermöglichten so eine schnelle Orientierung. Irgendwann stand auch die Möglichkeit zur Verfügung, mit einem ‚add-on‘ seine Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Mit einem kurzen Klick hatte man auf seinem Avatar eine kleine Kyrgyzstan Flagge hinzugefügt. Während der Grünen Revolution im Iran konnte man sich damals seinen Avatar grün einfärben lassen.

Auf Facebook war die Strutkurausbildung langsamer. Josh Belzman fragt noch am Abend des Mittwochs auf msnbc (The revolution will be tweeted, but not Facebooked, by Josh Belzman, April 07, 2010, msnbc.com), ob die Revolution hier nicht abheben will. Mit der Zeit kommt auch auf Facebook die Informationsmaschine ins Rollen, aber lose Kopplungen, wie sie twitter mit seinem völlig nutzerunabhängigen Aufbau bietet, sind hier kaum möglich. Videos wurden nichtsdestotrotz geposted, Solidaritätsbotschaften reingestellt und direkte Wünsche an Freunde und Verwandte abgeschickt. Schließlich boten die Chaträume bei Facebook auch immer wieder die Möglichkeit, für einen kurzen Moment direkt mit anderen Netznutzern in Kontakt zu treten.

Die ’social media‘ konnten ihre Funktion, vorsichtig vielleicht als Informationsmultiplikation bezeichnet, umso wirkungsvoller ausüben, je stärker sie mit herkömmlichen Kommunikationsmedien gekoppelt waren. Über Handy trafen immer wieder Nachrichten ein, die mich über neue Zustände woanders im Land informierten. Und die ich über twitter oder Facebook oder Emails wieder an andere Adressen weiter geben konnte. Auch das Fernsehen wurde, nachdem es in Form von KTR und NBT so gegen acht Uhr abends wieder zu senden begonnen hatte, teilweise in die neue Vernetzung miteinbezogen. Die kommentarlosen Berichte auf NBT beispielsweise wurden mit sms Nachrichten unterlegt, in denen Bewohner der Stadt sich über die Lage in Bishkek informieren konnten, Fragen stellten oder den Angehörigen der vielen Opfer ihr Beileid aussprachen. Auf KTR, dem ersten staatlichen Sender, gewannen die Interviewrunden, organisiert in einem Ersatzstudie, die Form eines personalisierten social media. Mit kurzen Unterbrechungen von wenigen Minuten wurden zwischen drei und vier Gesprächspartner an den Tisch gebeten, um ihre Eindrücke von den Ereignissen zu schildern, Aufrufe zu verkünden, Anschuldigungen zu erheben oder aber Vorschläge für weiteres Vorgehen zu unterbreiten. Nicht viel anders als auf twitter auch, nur eben ohne Avatar. Diese Interviewrunden wurden den ganzen Abend über organisiert, Dutzenden von Teilnehmern der Ereignisse war so die Möglichkeit gegeben zu berichten und zu informieren.

Vielleicht kann man in diesen Gesprächszirkeln einen Link sehen, der die chaotischen Massen und die twitterer zusammenführt? Die Ähnlichkeit in der Funktion besticht und es beeindruckt, wie schnell die stürmende und schlagende Masse an Zielgerichtetheit und Besonnenheit gewinnt, wenn plötzlich in schneller Abfolge Individuen von ihren Eindrücken berichten. Mit einem Mal bekommt das verwirrende Bild von der Straße Koordinaten und damit eine Struktur, die bestimmt nicht an den Grad der im Internet so elegant aufgestellten Selbstorganisation heranreicht, aber sicherlich den Vorwurf entkräftet, hier sei der gedankenlose Trieb der Masse am Werk.

In kommenden Analysen der Ereignisse vom 7. April in Kyrgyzstan muss meines Erachtens den Formen der Kommunikation eine besondere Rolle zugeteilt werden. Es ist doch eigentlich völlig unklar und unverständlich, wie in diesem Hinterhof der ehemaligen Sowjetunion die Rede von den social media geführt werden kann. Und doch scheinen neue Netzwerke irgendwie an den Ereignissen beteiligt, zumindest tragen sie ihr Scherflein dazu bei, Ereignisse entstehen zu lassen, wenn sie über Wirklichkeiten berichten, über die zuvor vielen nichts bekannt war. Die Frage spaltet sich also auf, zum einen in das Unverständnis gegenüber der Anwesenheit von social media in einem Kampf, der irgendwo am äußersten Rand der globalisierten Welt ausgetragen wird. Bezeichnend hier der Hinweis von Belzman auf den Suchbegriff ‚Kyrgyzstan map‘, der es am Mittwoch Abend noch unter die Top Ten bei Google geschafft hatte. Kyrgyzstan ist Peripherie und verlangt von den meisten Beobachtern, vorab einmal zu klären, wo es sich eigentlich befindet. Zum anderen bleibt die Frage, wie sich verschiedene Medien miteinander verknüpfen und wie Verweise in einem Medium Anschluss in einem anderen findet. Und so dafür sorgen, dass Ereignisse sich fortpflanzen und neue Veränderungen bewirken.

(Fortsetzung folgt)


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